Hans-Joachim Hespos: voids
In dem Orchesterwerk voids, welches am 3. März 2007 in Los Angeles/Santa Ana unter der Leitung von Christopher Russell von Schülern uraufgeführt wurde, setzt sich der Komponist Hans-Joachim Hespos erneut kritisch mit der Rolle des Dirigenten auseinander.
2005 entschied sich der Komponist Hans-Joachim Hespos, für das Orchester der Orange County School of the Arts (OCHSA) eine Komposition zu schreiben, nachdem ihn dessen Interpretation seiner Orchesterwerke fpoi (1997) und papillon (1998) fasziniert hatte. Hespos bemerkt zu dem Werk, dass es die Anforderungen der vorhergehenden noch potenziere, da neben dem, bei seinen Werken seit längerem üblichen, Spiel aus der kompletten Stimmenpartitur der Dirigent soweit aus dem Geschehen herausgenommen wird, dass das Orchester die Aufführung selbstbestimmt ohne diesen vollführt; er ist aber an der Einstudierung beteiligt.
voids endet damit, dass, mit dem Auftritt des Dirigenten „das orchester sein spiel abbricht und diffus ruhig verschwindet, wobei jeder musiker beim abgang eine schwallspur zertanzender tischtennisbälle auf dem boden hinterlässt ... der dirigent verbleibt auf dem podium, die reaktionen der zuhörer entgegennehmend“.
Ein mitwirkender Schüler bemerkt, das Besondere an der Musik von Hespos sei für ihn, dass der visuelle Aspekt ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger als der auditive sei. Dass in Hespos‘ Musik performative und musikalische Aspekte fließend ineinandergreifen, steht allerdings in scheinbarem Widerspruch zu seinem Diktum, dass alles, was durch die Ohren gehe, Musik sei. So könnten die auffälligen, da überhaupt vorhandenen, performativen Elemente dominierend wirken, sind aber letztlich wie auch die Partitur lediglich ein Mittel des musikalischen Ausdrucks. Die Partitur ist für ihn ein Anreger, die musikalische Verläufe mit allen auf dem Papier zur Verfügung stehenden Mitteln darstellt. Sie verweigert sich jeder Form von Konvention.
voids wird in der Partitur als „ein StückNichtstück für orchester“ bezeichnet. Hier, wie unter anderem schon in Kaleidoskopes Luftsilber (UA 2001), Hespos‘ Komposition für das Ensemble Interzone perceptible (E-Bass und elektrifiziertes Akkordeon), verweigert der Komponist den geschlossenen Werkbegriff, indem er Material liefert. Das Material besteht aus sieben Teilen, von denen Teil 5 („schwaden“) noch in 11 einzelne Aktionen unterteilt ist.
Im einleitenden Text werden als übergeordnete Spielanweisung „zwei entfaltungen“ dargestellt:
- „pendelschwaden“, die ins Unendliche gehen (↔∞)
- „jederzeit unterbrechende orchesterleeren / gespenstische fermaten“
Zu den zwei Entfaltungen gibt es „außerdem unvorhersehbare impacts und unerwartete symphonische aufbrüche“.
Der scheinbaren Unmöglichkeit einer Übersetzung von Wortkreationen wie „starrStille“, „klangwechselfäden“ und „aufschrei geflirr“ begegnet der Komponist, indem er mit einer selbsterstellten Übersetzung „zusammen mit mir, meinem lexikon und meinem spielwitz“ dem Dirigenten ein „buquet von vielerlei möglichkeiten“ anbietet.
Michael Repper, der bei der Uraufführung Piano spielte, schreibt, er sei erstaunt gewesen, wie viele Klänge und Effekte auf den verschiedenen Instrumenten möglich gewesen wären, die im „mainstream repertoire“ nicht zu finden seien. Für ihn war es faszinierend, ein Stück zu spielen, dass aus „weniger als 10 geschriebenen Noten besteht“.
Ein Gruppe von 5 bis 6 Schülern organisierte mit dem Dirigenten die konkrete Durchführung. Diese Gruppe besprach auch, wer wann Einsätze und Zeichen zur Beendigung der jeweiligen Phrase gibt. Repper gesteht, es sei schwierig gewesen, ohne einen Dirigenten zu spielen. Es brauchte viele Proben, um jedem klarzumachen, wie der erstellte Plan zu lesen sei, um das Stück fließend weich zu spielen. Dieses „VOIDS Coordinating Committee“ versuchte, die jeweiligen Impulsgeber im Orchester so zu verteilen, dass es dem Publikum nicht gleich gelänge, herauszufinden, von wem die einzelnen Einsätze kämen.
Hespos, der sich auch in seiner letzten Oper iOpal (UA 2005) kritisch mit der Rolle des Dirigenten beschäftigt hatte, bemerkt, dass es seine Kollegen offenbar gar nicht kümmere, diese infrage zu stellen. So sei von ihrer Kunst „angesichts der massengesellschaft, globalisierung und fortschreitender diktatur der verblödung keinerlei hilfe zu erwarten“.
Die Schüler der OCHSA aber hatten nach einem ersten irritierten Kontakt mit der Musik von Hespos mehr und mehr Freude. Russell berichtet, dass die Musik seine Schüler herausfordere. Die meisten hätten Spaß daran, die verrückten Sachen auszuführen, die in der Partitur gefordert werden. Ein Schüler im Alter von 16 Jahren schreibt, es sei ein einzigartiges Erlebnis gewesen, ein Stück ohne Dirigenten, ohne vorherbestimmte Organisation und mit sehr wenig genau festgelegten Noten zu spielen. Er ist sich sicher, dass er nie wieder ein Stück wie dieses spielen werde, und bedankt sich bei dem Komponisten für das einzigartige und interessanteste Orchesterstück seines Lebens: „I’m not sure how anyone couldt’t have liked it.“


