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Umschichten

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Alles ist Musik, alles ist Instrument in der am Ort und für den Ort entstandenen Inszenierung. Sogar der Verkehr macht mit.

 

In der Seminarreihe „Das dichte Gewebe des dahinfliessenden Lebens“ Februar – Juli 2006 des von Peter Trachsel gegründeten Instituts die Hasena (http://www.diehasena.ch/) assistierte Tobias Daniel Reiser dem Komponisten Hans-Joachim Hespos bei der Erarbeitung eines musikszenischen Werkes und seiner Aufführung mit MusikerInnen und Nicht-MusikerInnen auf dem Gelände der Hasena in Dalvazza Luzein in der Schweiz.
Für die musikalische Arbeit wurden alltägliche Materialien, des in Bau befindlichen Geländes der Hasena verwendet.

Der deutsche Komponist Hans-Joachim Hespos erarbeitete in der Hasena, dem offenen Kunstraum des Schweizer Künstlers Peter Trachsel ein musikszenisches Werk.


Zu Beginn forderte Hespos die Teilnehmer auf, den Ort auf seine musikalischen Möglichkeiten hin zu untersuchen. Vorhandenes Material wurde gesammelt und zum Klingen gebracht: Die Steinmauern mit metallenem Werkzeug bearbeitet, Steine aufeinander geworfen; Kiesschutt fiel auf Wellblech und Wasser platschte auf einen Eimer und einen alten Regenschirm. Die möglichen Klänge des baustellenartigen Grundstücks wurden so zu Klang-Kombinationen, die mit instrumentalen-Aktionen auf den Bühnen verbunden waren. Der verbindende und sinnstiftende Titel „Umschichten“ war schnell gefunden und stellte eine Korrespondenz zwischen dem performativen Geschehen, dem Verständnis der Klänge und dem Rahmen der Seminarreihe her.     
Ausgehend von einem Stein- und Ziegelschuttwall, der umgeschichtet wurde, zeigte es sich, dass alle musikbezogenen Aktionen Formen des Umschichtens waren. Ob Kiesschutt auf Wellblech rieselte und nach jedem Mal wieder aufgesammelt und nach oben getragen werden musste oder ob unter Knacken von Zweigen das Holz für ein Feuer aufgeschichtet wurde; jede dieser Handlungen veränderte die Lage der Gegenstände vor Ort und diese Veränderungen waren es, die den Dingen ihren Klang entlockten. Umschichten war aber auch, dass alle Aktionen ausschließlich in Hinsicht auf ihre akustischen Qualitäten geschahen. So war es möglich, Handlungen zu kombinieren, die in üblichen Arbeitsprozessen nicht kombinierbar sind: Das Knacken von PET-Flaschen korrespondierte mit aufeinander fallenden Steinen und rasselnden Ketten in einer metallenen Schubkarre. Fallende Steine klingen auf Wellblech wie schwere Tropfen auf einem Zelt und auf einen Schirm fallendes Wasser gibt harte prasselnde Geräusche von sich.
Ein bekanntes Schweizer Volkslied wurde verfremdet, so dass es nur noch in zerrissenen Fragmenten hörbar war. Die Spieltechniken von Akkordeon und Cello, neben drei Alphörnern die einzigen traditionellen Instrumente, waren so grob, dass deren Klang ins Geräuschafte tendierte. Im Gegenzug war der Klang trockener Holzpflöcke, die auf eine Mauer gestampft wurden, so rein, wie ein mächtiges Xylophon.  

Die Straße mit ihrem zufällig an- und abschwellenden Rauschen, die Bahnlinie im Hintergrund und die vielen verschiedenen Ebenen und Räume, welche die Bühnen der Hasena bieten, forderte gewissermaßen eine Arbeit, die sich dem Störenden stellt. Man arbeitete mit ihm, indem zum einen Klänge gefunden wurden, die bei größter Konzentration gerade noch hörbar sind, zum anderen solche, welche vorhandene Geräuschkulissen übertönten. Nicht zuletzt galt es auch, Klänge zu produzieren, deren Frequenzen mit der Geräuschkulisse Korrespondieren. Sei es agierend oder reagierend. Das Cello nutzte jeden stillen Moment, um eine Pizzicato-Strophe zu spielen, während Gesang und Alphorntrio, dessen klangliche Beschaffenheit über das Verkehrsrauschen hinweg zu hören war, nicht darauf bezug nehmen mussten. Hespos ließ die Instrumente Cello und Alphorn leicht verstimmt spielen. So konnten sie sich besser den geräuschhaften Aktionen anpassen.
Bei all den Aktionen musste auch der Zuhörer umschichten, indem er die Performance akustisch und optisch wahrnahm. Es galt, ein Gleichgewicht zwischen den Geräuschen der vorbeifahrenden Autos auf der Straße nach Davos und den teilweise sehr leisen Klängen auf der Bühne herzustellen. Im Idealfall sollten die störenden Straßengeräusche auf ihre musikalischen Qualitäten hin gehört und die hörende Wahrnehmung diesbezüglich umgeschichtet werden.


Der Anspruch und die Arbeitsweise von Hespos ermöglichte es, dass die entstandene Aufführung Laien und Profis auf einer Ebene zusammenführte und ein dichtes, in sich stimmiges Klang-Aktionsgewebe schuf. Hierzu gehörte die gleichwertige Einbeziehung aller Beteiligten und ein genaues detailliertes Ausarbeiten des szenischen und musikalischen Geschehens.
Die Arbeiten von Hespos und Trachsel korrespondieren insofern, als es beiden wichtig ist, unkonventionelle Formen der Kunstausübung zu finden, bei denen Laien und Profis verschiedenster Couleur zusammenarbeiten. Ähnlich wie Trachsel mit der Hasena einen offenen Raum initiiert hat, sieht sich Hespos als Komponist nicht im Sinne eines Schöpfers geschlossener Werke, sondern als Initiator bzw. Katalysator von Klängen und Sozialformen. Als Beispiele sei die von ihm 1993 gegründete „Wiese Gmbh“ genannt, als „inspirierendes Feld für Erprobungen“ und 1999 die Universitäre Manufactur Com-Position mit dem Bremer Künstler Jürgen Engel, deren Organisation als lernend und als Werkstatt ohne Seminarbetrieb an keinem festen Ort bezeichnet wird.
Es war spannend zu erleben, wie sich Hespos im Arbeitsprozess soweit zurücknahm, dass von Seiten der Teilnehmer Zweifel an der Zusammenarbeit und der Qualität des Werkes aufkamen. Diese Zweifel und Krisen erwiesen sich rückblickend als fruchtbar, indem sie dem Werk Dichte und Spannung verliehen. Die Zumutung, das Aushalten der gegebenen Freiheit und die strengen Forderungen nach Professionalität waren wichtige Formelemente bei der Entstehung von „Umschichten“.   

Veröffentlich in: Positionen 69, S. 60-62, Mühlenbeck, November 2006.


Einen Artikel von Thomas G. Brunner über Umschichten finden Sie unter:
http://www.hespos.info/index.php?navi=content&id_area=1&level=1&npoint=197,0,0,0,0,0

 

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